von Wolfgang Siano, Kunsthistoriker

Text zur Ausstellung „Sternenstaub und Himmelskörper“ für einen Begleitkatalog im April 2004

Es gibt ein Geheimnis der Farbe, das aus der Verschlossenheit ihrer Tiefe rührt, nicht einfach als Erscheinung ihrer Oberfläche, sondern darin als Spiegel einer Zeit, die im farbigen Abglanz des Lichts kindlicher …Imagination die Gegenwart ihres himmlischen Ursprungs suggeriert. Was einmal wie mit Händen zu greifen nahe schien, Krone und Kleid der Prinzessin in makelloser Reinheit, war der Zauber unerreichbarer Ferne, die Magie einer Zeit vor und jenseits der Erfahrung von Zeit. Sie erhält sich als Erinnerung an die verlorene Einheit von Nähe und Ferne, als die in ihr anwesende Empfindung unbegrenzten Daseins, die in ständigem Wechsel sich fortlaufend entzieht. Dieser Bewegung ist Sabine Schneider auf der Spur, folgt ihr immer weiter, indem sie dem Geheimnis der Tiefe der Farbe im Bild einer Zeit vor der Zeit, oder, wie es, mit dem Titel einer Reihe ihrer Arbeiten, vormals hieß, in „OLIMS ZEITEN“, nachzufolgen versucht. Die Zeit, die in keinem Gedächtnis zur Dauer wird, die aus einer Erinnerung aufscheint, an die es nicht heranreicht, weil ihre Wirklichkeit nur im Licht sich drehender, in fließenden Sprüngen wie verspringenden Flüssen wechselnder Reflexe von unvordenklichen Energien eine Vorstellung er- reicht, die ihrer zur Einsicht in sich selbst bedarf, um die eigenen Schattenräume zu durchströmen, sie aufzuschließen in immer neu anflutenden Brechungen gegenläufiger Wellen, deren changierende Texturen dem abrupten Wechsel von blendenden Höhen und durch sie verdunkelten, ungreifbaren Tiefen strukturellen Halt verleihen, eine Beständigkeit, die erst den Sog aus vielgestaltigen Wirbeln ineinanderdrängender, sich durchdringender, hervorbrechender, hindurchstürzender und überschießender leibhaftiger Entgrenzungen auslöst, in dem er zu-gleich als dem Prozeß seiner malerischen Reflexionen sich fortlaufend wiederherstellt aus chaotischen, unsichtbaren Kräften, deren untergründige Strömungen sich im Gefühl ihres Ereignisses ver- sammeln: diese Zeit erscheint bei Sabine Schneider allegorisch im gestalthaften Richtungssinn der farbräumlichen Anschaulichkeit ihrer Bilder.

„Sternenstaub und Himmelskörper“ ist der Titel ihrer Ausstellung, und er rückt die leibhaftige Selbstbezüglichkeit des malerischen Universums ins Bewußtsein. Im Licht der Farben erscheint der Körper als eigene kosmische Wirklichkeit, fast so, wie eine späte, optimistische Antwort auf Pascals Verzweiflung über die Endlichkeit seines körperlichen Daseins gegenüber den Unendlichkeiten des Nichts und des Alls. Sabine Schneider vergegenwärtigt den persönlichen Ursprung des Gedächtnisses ihrer gemalten Körper aus der Erfahrung der Trennung von Nähe und Ferne als Möglichkeit einer Freiheit zu sich selbst in deren Zwischenraum. Das Blau der Prinzessin lebt in der Vielfalt und der Dynamik seiner Brechungen. Es ist zum malerischen Element der Vergegenständlichung einer farblichen Tiefe geworden, deren Distanz als Widerschein kosmischer Unendlichkeit ihr Maß hat an der Erinnerung der Reichweite sinnlicher Empfindungen.

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