von Wolfgang Siano, Kunsthistoriker

Rede für Sabine Schneider zur Eröffnung der Ausstellung Galerie Mutter Fourage Berlin-Wannsee am 2. April 2004

Wer in Turbulenzen gerät, macht Grenzerfahrungen mindestens in zweifacher Hinsicht; er erfährt die Macht und Gewalt kosmischer Kräfte am eigenen Körper, als Schrecken darüber, die Kontrolle über sich …selbst zu verlieren, wie auch, sofern dann noch der Sinn danach steht, als Lust am Fall, daran, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Er macht aber auch eine Grenzerfahrung mit der Sprache, er gewinnt ein Bild für die Erfahrungen, die jenseits dessen liegen, was Begriffe veranschaulichen können, sofern er das Wort als Metapher benutzt. Die Bilder, die Sabine Schneider in der Galerie Mutter Fourage vorstellt, ermöglichen uns darüber hinaus noch eine weitere Grenzerfahrung, nämlich diejenige des Lichts, soweit es uns die Malerei in der Farbe als ihr stofflich greifbares Spektrum vorstellt und damit auch als Gegenstand der Malerei verstanden werden muß.

Es sind diese mehrfachen Dimensionen von Grenzerfahrungen, die wir hier in leibhaftiger Gegenwärtigkeit erschließen können. Wenn von Turbulenzen die Rede ist, so könnte diese Metapher auf alle Bewegungsformen der Malerei von Sabine Schneider angewendet werden, nur hätten wir dabei zu bedenken, dass darin in dem, was uns durchrüttelt und erschüttert, auch Elemente von Ordnung erfahrbar werden. Auf sie nimmt Sabine Schneider ebenfalls Bezug, und zwar so, dass ihr das leibhaftige Moment von Erfahrung, der menschliche Körper, als figuratives Ereignis, zum inneren Maßstab ihrer Darstellung wird. Darauf bezieht sich auch der Titel ihrer Ausstellung – „Sternenstaub und Himmelskörper“ – und sie steht damit in einer vertrauten Tradition, die uns allen bekannt ist. Ich meine damit ebenso die griechische Vorstellung des belebten Himmels wie die christliche einer von Engeln bevölkerten Transzendenz oder schließlich die szenische Künstlichkeit der ästhetischen Nähe perspektivischer Ferne.

Heute stellt sich das Problem des Horizonts sinnlicher Erfahrung inmitten virtualisierter Welten von neuem, und wir können im Allgemeinen nicht mehr so wie Pascal zu Zeiten der Entdeckung von Mikroskop und Fernrohr in unserer Zerrissenheit Zuflucht zum Glauben an eine Einheit stiftende Kraft nehmen. Eher sind wir darauf verwiesen, uns untereinander über unser diesbezügliches Wissen oder Nichtwissen zu verständigen, es anschaulich zu machen und so mit den uns gegeben Grenzen leben zu lernen. Die Bilder von Sabine Schneider, die wir hier sehen, geben, indem sie diese Grenzen benennen, zugleich eine Orientierung in der materialen Sinnlichkeit eine Selbstwahrnehmung, die Vergnügen und Lust am Verlust der Bodenhaftung vermitteln, so dass wir uns immer wieder aufs Neue ermutigt fühlen dürfen.

Im Eingangsbereich hängen zwei starkblaue Arbeiten, die sie mit „Tohuwabohu“ bezeichnet hat, und wenn wir uns daran erinnern, dass dieses hebräische Wort soviel wie wüst und leer bedeutet, dann dürfen wir erstaunt sein über die Fülle des darin zu Sehenden. Das gemalte Bild steht in einem Gegensatz zum Bild dieser Metapher; wenn man so will markiert es einen Schnitt, doch zusammen fügen beide sich zu einer Aussage, die eine Art paradoxer Freude am Spiel mit dem sinnlichen Vermögen der Malerei an der Grenze des durch sie Darstellbaren zeigt. Wo wir für die Physikalität des Lichts an analoger Hinsicht noch den Begriff der Welle als metaphorische Anschlussmöglichkeit nachvollziehen können – und wir finden diesen Aspekt mehrfach in Sabine Schneiders Bildern – ist die andere Seite des Lichts, die als Teilchen beschrieben wird, solcher Art Vorstellung nicht mehr zugänglich. Die Bilder, die wir uns davon machen können, sind Übersetzungen ins Unanschauliche, ganz ähnlich wie bei den berühmten „Schwarzen Löchern“, die ebenfalls die Phantasie von Sabine Schneider beschäftigt haben. Das, was dort passiert, übersteigt unsere Vorstellung, aber wir besitzen blendende Fotos von dem, was dort passiert, ohne dass wir es wirklich verstehen.

Eine möglich Antwort auf die Fragen, die unsere Vorstellung bei dem Gedanken an solche Phänomene beschäftigt, finden Sie auch in den hier gezeigten Bildern, in einer Malerei, die, indem sie sich als Lichtphänomen reflektiert, uns in Bezug auf das, was wir nicht erreichen können, neu verortet. Es ist vor allem die Faszination für das Nichtverständliche, das uns dabei leitet, ein Rest der Märchen und mythischen Welten, die im Titel, in „Sternestaub und Himmelskörper“ versprochen werden. Diese Faszination weist auch über die in dem Titel – vielleicht ungewollt – mitschwingende, assoziative Verbindung von Staub und Körper hinaus.

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