Journal

Fiktive neue Welten

Für die Ausstellung MIABER im Art Center South Florida, Miami 2015

Kartensysteme liefern Fakten und vermitteln doch nur scheinbar eine für alle Zeit gültige Übersicht über Territorien, Besiedlung, geographische und wirtschaftliche Verhältnisse, suggerieren, wir hätten oder könnten ein komplettes Bild der Welt erhalten.

Ländergrenzen ändern sich, Bodenschätze werden ausgeschöpft, Industriestandorte verschwinden, neue Produktionszentren entstehen, neue Verkehrswege werden entwickelt, Städte entstehen, wachsen, schrumpfen. Die Welt ist in Bewegung.

Aber auch das gibt es noch: die weißen Flecken auf der Landkarte – unerschlossene, nicht definierte oder verbotene Gebiete.

Aus der Anschauung von kartographischen Darstellungen – abstrahiert, aufsichtig – entwickelten sich innere Bilder und Vorstellungen von Weltzusammenhängen und räumlichen Distanzen, welche in unser Verständnis von Raum-Zeit als auch in unsere sozio-kulturelle Verortung einfließen.

Es entsteht durch die Anschauung des Hier und Da und dem Abgleich mit dem eigenen Standort das Selbstverständnis von Wir hier und die Anderen dort, das Vertraute und das Fremde.

Die künstlerische Arbeit mit Kartenmaterial zelebriert biographische Erinnerungen und Selbstwahrnehmung: Erkundung innerer Weltvorstellungen, Erinnerung von Lernvorgängen, Lebensabschnitt Kindheit, Jugend, Schulzeit, – innere Orientierung und äußere Verhältnisse, dabei werden historische, gesellschaftliche, politische und biographische Aspekte berührt.

Malerische Eingriffe und zeichenhafte Umdeutungen schaffen neue Bild- Zusammenhänge.

Scheinbare Sicherheiten werden durch Überschreibungen von Gewissheiten gestört, künstlerische Eingriffe in das bekannte Koordinatensystem, die Herstellung neuer bildhafter Zusammenhänge und Überformungen hinterfragen bekannte Verhältnisse.

Durch Übermalungen werden alte Formzusammenhänge modifiziert, spezifische graphische Elemente, Darstellungs- und Farbsysteme geändert. Die Identifizierbarkeit der dargestellten geographischen und staatlichen Kontexte wird durch die bildnerischen Veränderungen erschwert, bzw. unmöglich gemacht.

Die Karte wird zum Bild und unterliegt nunmehr gestalterischen und kompositorischen Kriterien.

Eine neue Landschaft entsteht – fiktive neue Welten.

Sabine Schneider